Tour-Tagebuch

Hier findet ihr alle Tagestouren im Überblick

Tag 81

Sonntag 03.07.2022

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Erster richtiger Reisetagebuch nach dem Speichenbruch vor 10 Tagen!

Endlich mal wieder ne richtige Strecke gemacht! 119km ohne Motor – na wer sagt es denn, geht doch! Ich muss vorsichtig sein und den Tag nicht vor dem Tour-Abend loben, denn wir sind ja noch immer unter Murphys Gesetz unterwegs. Aber als hoffnungsloser Optimist habe ich das Gefühl, der Wechsel auf ein Hinterrad ohne Motor war genau das richtige.

Wenn man dann auch noch realisiert, dass ich mit 30 kg weniger Gewicht unterwegs bin, dann kann man schon fast daran glauben: Ab jetzt wird alles gut!

Heute war es ja auch besonders spannend, da die Strecke zum Teil direkt am Grenzfluss – der Litauen von Russisch Kaliningrad trennt – entlang führte. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht einen, wenn man auf die andere Seite schaut. Russland hat sich seinen Ruf auf die nächsten zwei Jahrzehnte ruiniert. Die sind fast in der Situation von Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, als die ganze Welt sich einig war, dass von Deutschland nur Schlechtes ausgeht. Traurig, dass es nur die Riege von einigen einflussreichen Kriegstreibern braucht, um ein ganzes Land mit in den Abgrund zu ziehen …

Morgen geht es weiter mit der Umrundung der Exklave. Ich möchte es so schnell wie möglich hinter mich bringen und an die polnische Ostsee Küste gelangen 🌊.

Ich denke noch zwei, bis drei Tage, dann bin ich wieder am Meer. Ich vermisse schon meine Beach Clean Ups. Das ist einfach ganz was anderes, als diese Müllklauberei vom Straßenrand.

Startort: Ventaine, Litauen
Zielort: Jurbarkas, Litauen
Strecke: 119 km
Plastikmüll: 0,5 kg

Tag 80

Samstag 02.07.2022

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Beach Cleanup zu Dritt

Es ging nicht anders, habe heute noch einen Tag auf dem wirklich schönen kleinen Campingplatz in Ventaine verbracht. Die Nacht über war das bisher heftigste Gewitter mit starkem Wind bis zu 60 km/h über mein Zelt gefegt. Am Morgen gab es dann immer wieder Schauer, die mich davon abhielten, das noch nasse Zelt einzupacken.

Der wahre Grund des unfreiwilligen Aufenthalts ist aber eigentlich ein zutiefst menschlicher: Mit Jeanine, Peter und der Hündin Slava lernte ich heute so nette Menschen kennen, dass ein Weiterfahren einfach blöd gewesen wäre. Slava und Jeanine halfen mir außerdem beim BeachCleanUp und das war mir in den vergangenen 78 Tagen auch noch nicht passiert. Ferner warteten ein paar wichtige Online-Termine auf mich.

Daher nahm ich mir den letzten Tag bevor es um Kaliningrad herumgeht frei, um die ornithologische Station, welche nur 2 km an einer kleinen Halbinsel liegt, zu besuchen und konnte dort die größte Vogelfalle der Welt bestaunen! Hier werden Zugvögel mit einem riesigen Netz zur Beringung eingefangen. Bisher 3 Million Vögel!

Der gestrige Tag verlief mal wieder emotional gesehen sehr intensiv. Am Mittag hatte ich meinen ersten Nervenzusammenbruch, da mein zweites Paket mit einem Hinterrad aus Deutschland mich ebenfalls nicht erreichen sollte. Diesmal wurde es zunächst falsch an Lettland statt an Litauen adressiert, dann von mir korrigiert und nach Litauen umgeleitet. Die hielt die Postgesellschaft am Ende trotzdem nicht davon ab, es wieder nach Litauen zu senden, obwohl die Stadt Klaipėda dort nicht existiert.

Eine ganze Woche hatte ich auf dieses Paket gewartet und jetzt wieder nichts! Da kann man schon einmal hyperventillieren und kurz vor einem Weinkrampf stehen. Was in drei Teufels Namen hat man falsch gemacht, um so viel Chaos erleben müssen …

Aber Eddi, der Chefmechaniker bei Velostreet, rettet mich. Er schickt mich zum Nachbarladen ein 26″ Hinterrad zu besorgen. Er demontiert das alte Rad, nimmt Zahnkranz und Bereifung ab, zieht es auf das neue Rad auf, baut es ein, eine neue Kette ist auch fällig und fertig ist ein neues, demotorised Hinterrad.

Jetzt muss ich nur noch ein 22,5 kg schweres Paket mit Akku, Hinterrad, Motor und Dingen, die ich für die Heimfahrt nicht mehr benötige, zur Post bringen, 82 € dafür berappen und schon kann meine Tour weiter gehen🙏🚲⚙️👍💚♻️🌊

Startort: Klaipėda, Litauen
Zielort: Ventaine, Litauen
Strecke: 50,1 km
Plastikmüll: 2,1 kg

Tag 78

Donnerstag 30.06.2022

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Versehentlich besoffen

Heute morgen von der Insel runter zum Fahrradladen: Bin viel zu früh da und gehe noch in ein kleines Kaffee ☕️ Tolle Speisen, Schoko Croissant, Käsespinat-Teilchen, Cappuccino: 3,90

10:00 der Fahrradladen macht auf. Paket 📦 ist natürlich noch nicht da und mein Trackingprogramm macht widersprüchliche Aussagen. Das deutsche teilt mir mit, das Paket sei zurück an den Absender geschickt worden, das Lettische wiederum bestätigt die Weiterleitung nach Litauen 🇱🇹

Wir rufen an, um uns Klarheit zu verschaffen und tatsächlich, das Paket ist auf dem Weg zu Velostreet. Heute wird das aber nichts mehr und so setze ich mich in eine kleine Brauerei (Tipp vom Fahrradladenbesitzer) und mache Social-Media … da ich keinen Alkohol trinke, bestelle ich mir zwei 0,5 l alkoholfreie Hefeweizen und stelle nach dem Aufstehen fest, das da wohl doch etwas Alkohol drin war. 0,5% um genau zu sein. Shit, ich wanke tatsächlich ein bisschen, da merkt man welche Wirkung die Droge hat, wenn man nichts mehr gewöhnt ist. Zurück auf die Insel, Zelt aufgebaut, an den Strand und erst einmal den Rausch ausschlafen 😂.

Startort: Klaipėda, Litauen
Zielort: Klaipėda, Litauen
Strecke: 23 km
Plastikmüll: 0 kg

Tag 77

Mittwoch 29.06.2022

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Morgen weiß ich mehr

Nach fünf Tagen Pause und vier intensiven Beach Cleanups habe ich mich wieder auf den Weg in Richtung Fähre gemacht.

Kurz vor dem Hafenstädtchen habe ich mich dann aber doch dazu entschieden, auf der Insel zu campen. Was habe ich davon, um 22:00 Uhr auf dem Festland anzukommen und mir dann in der Stadt einen Campingplatz zu suchen, da leg ich mich doch lieber auf eine ameisenverseuchte Wiese und werde morgen früh übersetzen.

Mein Paket-Tracking hat noch nichts eindeutiges ergeben. Ich muss einfach darauf vertrauen, dass das Hinterrad morgen bei Velostreet ankommt. Wenn nicht, warte ich bis Freitag ab und dann muss neu entschieden werden, was getan wird.

Es gibt nur zwei Optionen.

Option 1: Mit dem kaputten Hinterrad weiterfahren, denn auch ohne eine Speiche fährt es sich gerade recht gut. Option 2: Ich bitte Velostreet darum mir eines von ihren Hinterrädern einzubauen und wenn das Ersatzteil dann ankommt sollen sie es nach Deutschland zurückschicken!

Ich bete aber für Option 0: Hinterrad aus Bremen ist schon angekommen und wird einfach ausgetauscht 🙏⚙️

Die süße Familie aus Schwaben mit Baby Albi ist auch auf Neringa gelandet. Leider haben wir uns um ein paar Stunden verpasst denn ich musste in meinem Robinson-Versteck alles zusammenpacken und losfahren. Auf dem Rückweg habe ich aber tatsächlich noch für eine halbe Stunde pausiert, um endlich auch einmal wieder die Drohne fliegen zu lassen. Man freut sich immer über die Bilder, aber es ist eine elende Fummelei bis der Quadrocopter in der Luft ist. Außerdem sind die Teile so laut und man erzeugt immer unangenehme Aufmerksamkeit.

Mein Spot war aber weit ab von irgendwelchen Menschen und ich bin gespannt auf die Bilder. Jetzt wird noch ein bisschen in der Biografie von Foo Fighter Dave Grohl gelesen, ein wirklich gutes Buch. Good Night and good Luck 🙏♻️

Startort: Neringa, Lettland
Zielort: Klaipėda, Lettland
Strecke: 35 km
Plastikmüll: 0 kg

Tage 73-76

Samstag 25.06. – Dienstag 28.06.2022

Meine fünf Tage auf Neringa/Kurische Nehrung

Fünf BeachCleanUps in fünf Tagen! Die Insel ist ein Traum aber meine Robinsonade muss ein Ende haben, denn wer rastet der rostet und ich will ja die nächsten 1600 km ohne Motor fahren.

Jetzt heißt es wieder in die Gänge zu kommen! Gestern gab es über die Nacht ein veritables Gewitter mit amtlichem Regengüssen. Ich warte ab bis das Zelt trocken ist. Anschließend wird gepackt und die Stadt Klaipėda angepeilt. Dort soll mein Paket 📦 ankommen. Ich hoffe auf morgen Vormittag!

Startort: Būtinge, Lettland
Zielort: Būtinge, Lettland
Strecke: 50 km
Plastikmüll: 9,0 kg

Tag 72

Freitag 24.06.2022

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Antrasis Smiltynės paplūdimys

Der gestrige Tag begann extrem vielversprechend. Akku zu 100% geladen toller Zeltplatzes im Wald und eine schöne Strecke Richtung Litauen vor mir.

Aber es kommt wie es kommen muss… 10 km übelste Gravelpiste mit ewigen Längsrillen, die meinen armen Silver-Surfer dermaßen durchrütteln, dass es keine Freude ist.

Die Strecke zieht sich, ich finde keine Ortschaft an der ich Wasser auffüllen kann. Also stiefle ich zu einem kleinen Bach runter und befülle meine leeren Wasserflaschen. Die leicht gelbliche Trübung lässt nichts Gutes erwarten und der leicht muffige Geruch auch nicht. Ne Menge Rindviecher stehen hier auch immer wieder auf den Feldern herum, da soll man sein Wasser ja auch nicht abzweigen, sagt eine alte Wanderweisheit. Als Notreserve, zum Abkochen nehme ich es trotzdem mit.
Dann passiert es – ein lautes metallisches Knacken, mein Hinterrad hat gerade seine fünfte Speiche verloren. Ausgebrochen an der ungünstigsten Stelle, direkt an der Motorbefestigung. Mir ist sofort klar, das war es. Hier ist Reparieren keine Option mehr. Nach vier Werkstattaufenthalten ist es auch einmal gut. Jetzt hilft nur ein Neuteil aus Deutschland. Jap, mein Freund bei Velo-Lab, ist sofort zur Stelle und baut ein Hinterrad bei einem seiner Bikes aus, verpackt es, bringt es zur Post und sendet mir gleich ein Video davon. In solchen Momenten liebt man sein Smartphone und die moderne Technik… das hebt meine Stimmung binnen Sekunden. Ich hatte mich nach der gebrochenen Speiche nicht einmal mehr traurig oder verzweifelt gefühlt, sondern einfach nur völlig leer und taub, beraubt jeder Emotion: Alles egal, total egal!

Mittlerweile sehe ich meinen unfreiwilligen Aufenthalt als Geschenk an. Ich befinde mich auf der Halbinsel Antrasis Smiltynės paplūdimys, direkt vor den Toren von der Stadt Klaipėda gelegen. Dorthin wird mir in ca. vier Tagen mein Hinterrad geliefert, wenn alles nach Plan läuft und wenn eines einem diese Tour gelehrt hat, das nie etwas nach Plan verläuft. Am Ende es aber immer irgendwie geht und in der Rückschau sind das die eigentlich bleibenden Momente. So bleibt mir ersteinmal nichts anderes zu tun, als Darius zu danken, der mir den Tipp gab, hier auf der Halbinsel auf das Rad zu warten und die einzigartige Dünenlandschaft, die Wälder, das Meer und den Bodden zu genießen – und genau das werde ich in den nächsten Tagen tun!

Startort: Mēzaine, Lettland
Zielort: Būtinge, Lettland
Strecke: 122 km
Plastikmüll: 1,4 kg

Tag 71

Donnerstag 23.06.2022

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Nicht schon wieder ...

Fünfte Speiche im Hinterrad gebrochen, wieder aus der Motorbefestigung! Es hilft nichts, ich brauche ein neues Hinterrad aus Deutschland!

Ich gehe von fünf Tagen warten aus – so soll es dann sein🌻

Startort: Mēzaine, Lettland
Zielort: Būtinge, Lettland
Strecke: 122 km
Plastikmüll: 1,4 kg

Tag 70

Mittwoch 22.06.2022

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Im Alter von 11 Monaten auf die erste große Reise

Ich schaue gebannt aus meinem Zelt, fast 22:00 Uhr. Gleich setzt hier die Dämmerung in Lettland ein und ich campe in einem großen Waldgebiet, relativ weit von der Bundesstraße entfernt. Hier muss ich doch heute Nacht meinen ersten Elch sichten. Es kann doch nicht angehen, dass ich jetzt schon weit über 5000 km unterwegs in allen skandinavischen Ländern plus Baltikum bin und von den unzähligen Elchen läuft mir keiner vor die Optik.

Fahrrad schnurrt wieder wie ein Kätzchen. Es ist wirklich verrückt in wie viele Gefühlszustände man über einen einzigen Tag gerät. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt in kürzester Zeit und das in einer Endlosschleife – so kommen mir meine letzten drei Wochen vor.

Heute waren wieder Euphorie und Fröhlichkeit dran. Das reparierte Bike lässt mich den Krampf der letzten Tage vergessen und dann habe ich eine der schönsten Begegnungen meiner Reise.

Schon von weitem erspähe ich vor mir auf der Landstraße ein Reisefahrrad-Pärchen. Die Frau zieht auch einen Anhänger hinter ihrem Fahrrad her und hinten baumeln undefinierbare Fetzen herum. Ah, die sammeln wohl auch Müll schießt es mir durch den Kopf und ich setze zum überholen an und werfe noch einen Blick in den Anhänger. Ein Baby!!!

Also besser gesagt ein Kleinkind: Albert 11 Monate alt, am 11.07. wird er ein Jahr alt. Wie cool, denke ich mir! Natürlich spreche ich die beiden daraufhin an und zeige mich ehrlich begeistert von ihrer Aktion mit Albert auf Fahrradtour zu gehen. Isabella und Heinrich sind zwei grundsympathische Schwaben aus Stuttgart. Sie sind von Tallinn gestartet und wollen noch bis Klaipėda. Dann sind sie auch über 800 km gefahren, in vier Wochen. Ihren Rhythmus passen sie dem Kleinen an und das funktioniert tadellos.

Weil wir uns so nett unterhalten fahren wir runter von der Bundesstraße und setzen uns auf einen Nachmittags Lunch in ein gemütliches kleines Restaurant/Café. Es tut so gut nach drei Wochen mal wieder deutsch zu reden, eine sehr schöne Sprache in der es sich einfacher macht, über alle möglichen Themen reden zu können. Ein leckerer Falafel-Teller, mit Pommes wird bestellt und eine einheimische Rhabarber-Limonade dazu getrunken und sich darüber ausgetauscht, wie schön und wichtig es ist, seine Komfortzone immer wieder zu verlassen, um sich klar zu machen was eigentlich alles möglich und wozu man fähig ist. Wenn man bei fünf Grad in seinem Zelt liegt und feststellt, dass die Isomatte aus Kolumbien, nicht für diese Temperaturen gemacht ist, dann stopft man einfach die leeren Packtaschen als weitere Isolationsschicht dazwischen und schon kann Albert friedlich schlafen. So eine Reise schult das improvisations Talent enorm.

Ich schaue dem Kleinen beim Spielen und Entdecken zu. So ein großes Cargobike hat viele tolle Dinge, die man unter die Lupe nehmen kann, wie z.B. meinen kleinen SeeHamster oder meine Flaggen Kollektion …

Am Ende laden die beiden mich sogar ein und ich habe nicht nur ein tolles Gespräch und Gesellschaft gehabt, sondern auch noch einen vollen Magen und Akku 🔋

Die Handynummern werden ausgetauscht und wenn alles klappt, dann treffen wir uns morgen auf einen Kaffee in Liepāja …
Ich würde mich freuen!

Jetzt aber erstmal einen Elch fotografieren. Drückt mir die Daumen!

Startort: Ventspils, Lettland
Zielort: Mēzaine, Lettland
Strecke: 91,1 km
Plastikmüll: 0,5 kg

Tag 69

Dienstag 21.06.2022

Willkommene Zwangspause

Kein Fahrradladen, der mir ein neues Hinterrad ohne Motor einbauen kann. Denn nach den Problemen, kommt mir der Gedanke immer wieder, ohne elektrische Unterstützung weiterzufahren. Die Leute sind sehr freundlich, aber man merkt, dass hier in der Stadt nicht das Zentrum der lettischen Hightech Bike Community ist 🚲♻️🔋

Trotzdem wird mir wie immer geholfen. Ein extrem freundlich Herr, der nur zwei Stunden am Tag seinen Fahrradladen führt und hauptberuflich etwas völlig anderes macht, erbarmt sich meiner und baut mir zwei neue Speichen ein, zentriert das Rad und spannt die Speichen so nach, dass die Acht fast verschwindet.

Mittlerweile habe ich kein Vertrauen mehr in dieses verdammte Hinterrad, aber eine andere Alternative bleibt mir nicht. Jap von Velo-Lap würde mir sofort ein komplettes neues Rad zusenden, aber ab Freitag ist hier langes Wochenende: Mittsommer. Dieser Tag ist hier ein Feiertag, wird aber am 23. und nicht heute gefeiert. Ich habe keine Ruhe, hier Däumchen zu drehen. Ich muss weiter fahren. Ich muss mir das Hinterrad woanders hinschicken lassen und hoffen dass mein Schrotthinterrad noch mindestens eine Woche durchhält, bevor es wieder seinen Geist aufgibt!

Die Zwangspause bringt lediglich den nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich, seinem Körper eine Pause zu gönnen – zumindest physisch.

Tag 68

Montag 20.06.2022

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Schöne Natur? Bestimmt, aber ich muss mich mit anderen Dingen beschäftigen.

Der Tag fing so schön an: BeachCleanUp am nördlichsten Punkt Lettlands, Nationalpark Slīteres, Zelt direkt am Meer aufgebaut, wilde Landschaft mit umgestürzten Bäumen vor der Nase.

Mit vollem Akku geht es immer der Küstenlandstrasse entlang, exakt 75 km ohne einmal abzubiegen. Auf den letzten 10 km vor Ventspils höre ich ein lautes metallisches Geräusch aus Richtung des Gebäckträgers. Ich denke, das irgendetwas vom Rad gefallen ist, halte an und überprüfe die Straße und den Randsteinstreifen hinter mir – nix zu sehen. Muss wohl nur irgendein Steinchen gewesen sein, denke ich mir, und setze die Fahrt fort.

In Ventspils muss ich aber tatsächlich wieder die Batterie vom Silversurfer laden, 00,00 km auf der Ladeanzeige. Der ständige Gegenwind hat seinen Tribut eingefordert und ich setze mich für drei Stunden in ein wirklich hübsches und leckeres Restaurant. Salat, Mozzarella mit Gemüse, Vanilleeis und warmer Schokoladenkuchen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Mit vollem Magen und Akku 🔋 fahre ich los, um mir ein Plätzchen in der Natur vor den Toren der Stadt zu suchen. Tja, da habe ich wie schon so oft die Rechnung nicht mit meiner Nemesis, dem sogenannten Pannenwirt, gemacht! Das Hinterrad fängt plötzlich sehr laut an zu schleifen. Ich bleibe stehen, schaue mir den Schlamassel an und plötzlich weiß ich wo das hässliche Geräusch von vorhin herkam. Da ist sie, meine dritte gebrochene Speiche. Gut dass ich damals in Starvanger Ersatzspeichen besorgt hatte.

Gepäck runter, Akku raus, Fahrrad auf den Kopf gestellt und jetzt zeigt sich, ob ich beim Speichenwechsel zuschauen im Fahrradladen in Stavanger etwas behalten habe … eine verdammte Stunde porkel ich an der Speiche und dem Speichennippel rum, bis ich dem Wahnsinn so nahe bin wie Jack Nicholson in „The Shining“. Kurz durchzuckt mich der Gedanke, hier einfach alles kurz und klein zu hauen, dann spüre ich plötzlich wieder nur noch diese fiese Leere, wenn der eigene Akku leer ist und man keine Substanz mehr besitzt, um etwas dagegen zu tun. Als ob einer einem die Luft aus dem gesamten Körper gelassen hat. Also radel ich zurück in die Stadt, aus der ich gerade „entfliehen“ wollte.

Auf dem Campingplatz, der wirklich sehr hübsch ist, baue ich unter Kiefern mein Zelt auf. Alles leer, kaum Leute hier. Dann die erste Dusche nach 14 Tagen. Das ist immer wieder ein erhebendes Gefühl, auch wenn man so fertig ist wie ich gerade!

The Show must go on! Long live the Seahamster!

Startort: Kolka, Lettland
Zielort: Ventspils, Lettland
Strecke: 97,2 km
Plastikmüll: 3,5 kg

Tag 67

Sonntag 19.06.2022

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Das hätte teuer werden können

Ich wurde um 4:00 Uhr in der Früh geweckt! Eine Horde Teenagern, die wahrscheinlich von irgendeiner Party kamen, zogen auf dem Weg zum Strand an meinem Zelt vorbei. Sie wollten wohl den Sonnenaufgang bewundern. Da war natürlich nicht mehr an Weiterschlafen zu denken. Ich habe kurz guten Tag und auf Wiedersehen gesagt, gewartet bis die Truppe zurück zu ihren Autos gegangen ist und dann mich noch einmal für zwei Stunden hingelegt. Aber so richtig in den Schlaf kam ich nicht mehr.

Also startet ich gleich morgens um 07:00 Uhr meinen BeachCleanUp und konnte innerhalb von 20 Minuten meine Netztasche mit Plastikmüll füllen …

Es ist schon der Hammer wie viel Müll man doch an einem relativ sauberen Strand finden kann. Dummerweise wollte ich dann auch noch die Kaffeeautomaten an einem Rastparkplatz ausprobieren … Wie alles, funktioniert das Bezahlen hier über die EC Karte. Gesagt getan: EC Karte eingeführt, Kaffee aus der Maschine gezogen, Moccachino genossen und dann fröhlicher Dinge los geradelt – nach 500 m schießt es mir wie einen Blitz durch den Kopf: „Markus du alter Trottel, hast du deine EC Karte überhaupt abgezogen?“ Nein natürlich nicht. Mit Lichtgeschwindigkeit zurückgeradelt und – glücklicherweise – die Karte steckte noch unberührt im Automaten!

Das wäre wirklich eine richtige Katastrophe geworden, wenn ich am Ende des Tages noch einmal 50 km hätte zurückfahren müssen, um meine EC Karte zu holen.

Ja, so schnell kann’s gehen …

Startort: Ragaciems, Lettland
Zielort: Kolka, Lettland
Strecke: 104 km
Plastikmüll: 1,6 kg

Tag 66

Samstag 18.06.2022

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Mann, das ist echt Arbeit!

Das Zeitmanagement ist mein größtes Problem: Mindestens 80 km machen, Plastikmüll sammeln, Free WiFi finden damit ich Euch über Social Media informieren kann, Strom finden damit ich meinen Akku laden kann, coolen wilden Zeltplatz finden, damit ich BuBu machen kann und last but not least, ne Strecke finden die möglichst am Meer, nicht an der Hauptstraße aber auch fahrbar ist finden und bewältigen. Zu guter Letzt, der Familie und Torsten, meinem verlängerten Arm zu unserer Big-Biking-Cleanup-Website, Bescheid geben was so passiert ist und dass man einen safen Platz zum Schlafen gefunden hat.

Da kann man schon ins Schleudern kommen.
Gottseidank macht das Fahren ja ultra viel Spaß und die Begegnungen mit netten Menschen geben einem das Gefühl noch Teil der Gesellschaft zu sein.

Heute z.B. hat mir ein hilfsbereites lettisches Paar geholfen, mein Tad von einer Autobahnüberführungsbrücke über 50 Stufen hinabzutragen… alleine wäre das wieder eine höllen Plackerei geworden. Und da die ganze Straße noch aufgerissen war, haben sie mich 15 Minuten lang in die richtige Richtung begleitet und mir einen schönen Trip gewünscht – das ist echte Willkommenskultur💚🌻👍🙏

Naja, dafür räume ich ja auch deren Strände auf 😂💚♻️🔋🚲

So, jetzt esse ich um 23:03 Uhr noch einen Topf Nudeln mit Chilisauce und lasse mich von den Mosquitoes 🦟 attackieren – gute Nacht!

Startort: Lilaste, Lettland
Zielort: Ragaciems, Lettland
Strecke: 85,9 km
Plastikmüll: 1,2 kg

Tag 65

Freitag 17.06.2022

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Völlig schräger Tag!

Gemütlich ohne Unterstützung losgefahren, nachdem ich einen ordentlichen BeachCleanUp hingelegt hatte.

Nach 5 km das erste Hindernis, ein umgestürzter Baum der nicht umfahrbar war … also alle Gepäcktaschen abbauen, Klappe runter vom Bike, Batterie ausbauen (8 kg) Lenkertasche, Packtaschen, Duffelbag, alles runter! Dann das Fahrrad über den nicht wirklich kleinen Stamm hieven und alles wieder anbringen.

Keine 3 km weiter dann der Oberhammer: Der Fahrradweg 101 wird zum Strandwanderweg. Hört plötzlich einfach auf und ich muss wieder alles abbauen. Erneut wird das Cargobike geschultert und eine Treppe zum Strand hinabgetragen und natürlich wieder rauf …

Wie zuvor bereits musste das gesamte Gepäck erneut runter und die sechshundert Meter über den Strand geschleppt und am Ende logischerweise wieder aufgeladen werden …

Zum Ende des Tages stehe ich dann auch noch vor Bahngleisen und der Fahrradweg geht fröhlich auf der anderen Seite weiter, aber weder eine Rampe oder eine Brücke die einem helfen könnte dieses Hindernis zu überwinden?!?! Lebensgefährlich so ne Fahrradroute, wer hat sich das ausgedacht? Die Autolobby??? Zum dritten Mal baue ich alles ab, werde dabei von Mosquitos aufgefressen und um das Elend perfekt zu machen verbiegt sich bei der Tortur auch noch mein Fahrradständer und ich muss auch da noch einmal ran und das Problem beheben …

Ich sach euch, Tage gibt es, da sollte man lieber im Zelt bleiben und ein gutes Buch lesen 😂🇱🇻👍🌻

Was für ein Tag!

Startort: Vitrupe, Lettland
Zielort: Lilaste, Lettland
Strecke: 61,1 km
Plastikmüll: 1,7 kg

Tag 64

Donnerstag 16.06.2022

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Lettland begrüßt mich mit spektakulärem Sonnenuntergang

Heute morgen im großen Shoppingcenter sowohl Social Media gemacht (Free WiFi) als auch die beiden Displays meiner Handys repariert. Die Schutzscheiben mussten erneuert werden. Dann Wasser getankt und ein Buch gekauft („The Storyteller“ von Dave Grohl). Habe tatsächlich abends im Zelt Zeit und Lust etwas zu lesen.

Estland war super schön, eine romantische Ecke nach der nächsten. Freundliche aber etwas zurückhaltende Menschen. Eigentlich so, wie ich mir die Finnen vorgestellt hatte.

In Lettland angekommen, dann noch einen Traumplatz zum Campen, direkt an der Ostsee, gefunden und meinen spektakulärsten Sonnenuntergang angeschaut, während ich mir Nudeln auf dem Kocher zubereitet habe. Im Moment wird jeder Tag zu einem Naturschauspiel.

Die drei Kg Müll, die ich so gerne gesammelt hätte, um die 100kg voll zu machen, habe ich leider nicht ganz hingekriegt – das schaffe ich aber morgen 💚🇱🇻👍🙏🌻♻️🔋🚲🏕

Startort: Pärnu, Estland
Zielort: Vitrupe, Lettland
Strecke: 107 km
Plastikmüll: 1,5 kg

Tag 63

Mittwoch 15.06.2022

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Mit Rückenwind durch die menschenleere Natur

Hatte noch 90 km auf dem Akku und da der Wind von hinten kam und die Strecke meistens flach war, habe ich die 96,2 km komplett ohne Unterstützung gemacht. Gutes Training und so mußte ich an einer verwaisten Burger-Bude auch nur für eine Stunde Strom tanken.

Stranger Tag, nur Sonne, viel Wind, wenig Verkehr, romantische Landschaft, viele alte Kirchen und historische Gebäude entlang des Weges, aber auch keinen einzigen Menschenkontakt. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon einen Tag ohne Gespräch mit einem menschlichen Wesen hatte …
Dafür haben wir die 5000er-Euro-Hürde geknackt und das fühlt sich richtig gut an🌻🕺🙏🇪🇪

Auf geht’s, noch fehlen ein paar Groschen aber die kriegen wir auch noch zusammen 🌻♻️🔋💚

Startort: Pivarootsi, Estland
Zielort: Pärnu, Estland
Strecke: 96,2 km
Plastikmüll: 1,2 kg

Tag 62

Dienstag 14.06.2022

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Eine wichtige Zwangspause!

Gestern wurde mir meine gebrochene Gabel geschweißt :-), übrigens von zwei russisch stämmigen Esten, die extrem hilfsbereit waren und sich meiner sofort angenommen haben: Alexsandr und Almo!

Um 08:00 Uhr vom Campingplatz abgeholt und um 12:00 Uhr wieder mit reparierten Bike zurückgebracht. Dazwischen in den Hafen gefahren, Gabel in Schiffswerft ausgebaut, Rad abmontiert, Scheibenbremsensattel, Licht, Kugellager, Lenkrotor und dann die blanke Gabel wieder in Form gebogen und geschweißt. Was alles möglich ist, wenn es keine Alternativen gibt …

Danach war ich aber komplett leer. Im Moment des Handels merkt man gar nicht wie angeschlagen und ausgelaugt man von dem ganzen Stress der Tour eigentlich ist, mental und physisch. Auf der Zeltwiese hatte ich meinen persönlichen Meltdown der gesamten Tour, Heulkrampf inklusive!

Die Entscheidung heute nicht weiter zu fahren und einfach den Tag passieren zu lassen war genau richtig…

Drei Stunden vor dem Zelt in der Sonne gedöst und dann einen Spaziergang in die wirklich bildhübsche, historische Stadt Haapalu gemacht. Altstadt und Burg angeschaut. Das erste Mal Sightseeing während der gesamten Tour – tut auch mal gut.

Heute dann die Gabel auf 81,2 km getestet. Scheint zu halten. Auf Dreiviertel der Strecke dann Strom an einer Tanke vom netten Servicepersonal bekommen. Als Dank zwei Kaffee getrunken und ein anständiges Trinkgeld dagelassen. Einen Regenschauer auch noch vor Ort abgewettert und specialness’s gemacht!

Jetzt sitze ich am Meer und genieße den Sonnenuntergang bei einer heißen Tomaten-Nudelsuppe 🍝 💚🔋♻️🌻🇪🇪🙏🤞🚲🏕

Startort: Nõva, Estland
Zielort: Pivarootsi, Estland
Strecke: 81,2 km
Plastikmüll: 1,3 kg
Unser Zwischenstand
0 km
haben wir schon geschafft 🙂
0 kg
Plastikmüll haben wir schon gesammelt 😐